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Perlen in der Suppe

Andreas Scheiner, Filmjournalist, hat das Thema «Food» in SPENCER genauer unter die Lupe genommen – Eine (Sequenz-)Analyse:

Diana sträubt sich, aber auch sie muss auf die Waage: Jedes Mitglied der königlichen Familie, so will es die Tradition, wird vor dem Weihnachtsfest auf Schloss Sandringham gewogen. Denn es gilt mindestens drei Pfund zuzulegen über die Feiertage. Um zu zeigen, dass man eine gute Zeit hatte. Nur ein kleiner Spass sei das, erklärt grinsend der Stallmeister. «It’s just a bit of fun.»

Aber Diana weiss: Es wartet kein Vergnügen. Draussen hat ein Militärkonvoi das Gut erreicht, Soldaten in voller Montur laden schwere Kisten ab. Doch nicht etwa Waffen und Munition enthalten die gepanzerten Truhen, sondern Hummer so gross wie Sturmgewehre, Früchte wie Handgranaten. In der Küche verliest der Chefkoch seiner Mannschaft das Menü, als zöge er in die Schlacht.

Das Essen wird zur Waffe bei Pablo Larraín: Üppig lässt der Regisseur die Speisen auftragen, aber er inszeniert Diana an der langen Tafel wie von einer feindlichen Macht eingekesselt. Links und rechts verköstigen die Royals gravitätisch eine dicke grüne Erbsensuppe, während Diana zu ersticken glaubt an ihrem Perlencollier.

Panik befällt sie unter den missbilligenden Blicken der Queen, in einer alptraumhaften Vision sieht sie sich die Kette von Hals reissen, vor ihr kullern die Juwelen in die Suppe. Sie legt sich eine der Perlen auf den Löffel, die Zähne beissen auf das Juwel – dann würgt sie es herunter. Aber auch nur, um es kurz darauf zu erbrechen.

In der von Larraín stimmungsvoll ins Kerzenlicht getauchten Szene zeigt sich sinnbildlich Dianas Kampf. Sie wird diese Weihnachten keine drei Pfund zulegen. Aber am Ende, soviel sei verraten, wird sie auch ihre Freude haben.

Die Bilder zur Sequenz, auf der grossen Leinwand, gibt’s in SPENCER – ab 13. Januar nur im Kino.

Über den Autor

Andreas ist Filmjournalist und schreibt v.a. für die NZZ.