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DER MANN HINTER DER KAMERA

Interview mit Regisseur Nahuel Lopez (Granvista Media), geführt von Anke Sterneborg…Alle Bilder: ©Granvista

Ihr Film ist Künstlerporträt, Roadmovie, Alzheimer-Geschichte und Zeitgeschichte: Womit hat das Projekt für Sie angefangen?

Eigentlich entsteht jedes Projekt aus meiner Biografie heraus. Ich fotografiere selbst sehr gerne und fühle mich auch als Filmemacher der Fotografie sehr nahe. Die Magnum-Fotografen waren für mich immer schon absolute Spitze, vor allem im Bereich des Fotojournalismus. 2007 habe ich in Hamburg die weltweit getourte, große Hoepker-Retrospektive besucht und dort seine Bilder zum ersten Mal in wirklich großen Formaten gesehen. Das hat mich sehr beeindruckt, weil diese Fotos sehr vielschichtig erzählen. Darum habe ich Thomas Hoepker gefragt, ob er sich vorstellen könnte, mit mir einen Film zu drehen, bekam aber zunächst eine Absage. Als er drei Wochen später dann doch bereit war, mich zu treffen, wurde klar, dass die Bedenken seiner Alzheimer-Krankheit geschuldet waren, die damals noch nicht öffentlich war und die man in so einen Film natürlich einbeziehen müsste. Einen Alzheimer-Film wollte ich eigentlich nicht machen, fand dann aber, dass die Erinnerung der Fotografie als Meta-Ebene bereits innewohnt. Hoepkers Fotografien sind sozusagen die ausgelagerten Erinnerungen, die er selber jetzt mehr und mehr verliert. Vor allem sollte es immer ein Film über ihn und seine Fotografien werden.

Was begeistert Sie besonders an Hoepkers Fotografien?

Seit ich die große Retrospektive gesehen hatte, ist er mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Was ich so besonders mag, ist, dass seine ganze Arbeit so unprätentiös und gleichzeitig so wunderschön und tief ist. Sie erzählt so viel, auf eine Weise, die mich immer wieder bewegt, wenn ich seine Fotos sehe. Man spürt, dass er nicht im Großformat 4 mal 5 Meter denkt. Zunächst hat er sehr schöne Schwarzweiß-Bilder gemacht, aber auch sehr früh Farbfotografie und später auch das Digitale ausprobiert. Er war immer auch ein technischer Pionier, hatte keine Angst vor Neuerungen. Und er gehört zu dieser kleinen Gruppe von Fotografen, die humanistisch an ihre Arbeit herangehen, die sehr bewusst ihre Themen gesucht und Menschen an den Rändern der Gesellschaft porträtiert haben.

Stand die strukturelle Verzahnung von Roadtrip und Lebenswerk von Anfang an fest?

Ohne einem Kollegen zu nahe treten zu wollen, finde ich die meisten Filmporträts von Fotografen ein bisschen vorhersehbar. Originelle Beispiele, wie WAR PHOTOGRAPHER über James Nachtwey oder DAS SALZ DER ERDE von Wim Wenders über Sebastião Salgado sind selten. Darum fragte ich Thomas und seine Frau, ob es denn noch ein Projekt gibt, dass er gern verwirklichen würde, worauf er meinte, es würde ihn reizen, noch einmal fotografierend durch die USA zu reisen. Diese Idee fand ich sofort bestechend, weil sie auf seine Heartland-Tour 1963 anspielt, also den Moment, in dem er die Weltbühne der Fotografie betreten hat. Dadurch ergab sich eine Klammer um sein fotografisches Gesamtwerk.

Tritt der Filmemacher mit seiner Kamera in eine Art Konkurrenz zum Fotografen mit seiner Kamera?

Natürlich ist das ein Thema, wenn man so einem Jahrhundert-Fotografen begegnet, der unglaubliche Bilder gemacht hat, die einen ein ganzes Leben begleitet haben. Da denkt man sich schon, dass man da erst mal rankommen muss. Aber Thomas ist ein so warmherziger, zuvorkommender, fast schon schüchterner Mensch, ohne jegliche Arroganz, dass sich solche Gedanken in seiner Gegenwart sofort auflösen. Er hatte auch große Lust, zusammen loszuziehen und zu fotografieren, was natürlich ein enormes Privileg war. Konkurrenz gab es da keine.

Haben denn seine Fotografien unterschwellig auch den filmischen Stil des Films beeinflusst?

Das kann ich rückblickend gar nicht genau beurteilen. Film läuft ja durch viele Filter: der Autor, der das Exposé schreibt, sich Fotobände anschaut und versucht, Parallelen herzustellen. Der Kameramann, der auf dem Roadtrip gefilmt hat und die Bilder durch sein Auge und seine Kameraführung prägt. Schließlich der Schnitt, in dem man entscheidet, an welchem Punkt man in eine Szene reingeht und wieder raus. Aber natürlich haben wir vorher seine Bildbände angeschaut, uns rein visuell in die Materie sehr stark eingearbeitet, mit Sicherheit ist da etwas hängengeblieben.

Teilen Sie Hoepkers Misstrauen der Schönheit gegenüber?

Eigentlich mag ich Schönheit sehr gern, aber vielleicht ist mein Begriff von Schönheit auch ein anderer als bei den meisten Menschen. Schön ist für mich nicht unbedingt der Sonnenuntergang, schön kann für mich auch eine graue Straße sein. Schön ist für mich etwas, das interessant ist. Hoepker hat ja nie nur Schönheit fotografiert. Nehmen wir das Bild mit den Leuten unter dieser Bruce-Lee-Plakatwand irgendwo in Burma, das ist ja kein objektiv schönes, aber ein sehr interessantes Bild, mit einer tieferen Wahrheit. Das hat ja immer auch mit dem Kontext zu tun, der einem Bild-Tiefe und Größe und dadurch auch Schönheit verleiht.

Hoepker sagt auch, ein Foto müsse eine gute Geschichte erzählen oder einen wichtigen Gedanken formulieren…

Das hat mich am Fotojournalismus immer besonders gereizt: Es geht weniger um Einzelbilder, als um Bildgeschichten. Darum hat Hoepker sich ja auch immer dagegen gewehrt, seine Bilder auf einer Galeriewand zu zeigen, was jetzt natürlich passiert. Sein Anspruch war immer, wahrhaftige Geschichten zu erzählen. Und das kommt ja gerade dem Dokumentarfilm sehr nahe.

 

 

Als Dokumentarfilmer sammelt man auch Zeitdokumente ein, in diesem Fall das Wahlergebnis 2020 und die Pandemie: War das bewusst eingeplant?

Geplant war der Trip eigentlich im März 2020, also in dem Monat, in dem Corona kam und alles geschlossen wurde. Insofern hat sich der historische Kontext eingeschlichen, parallel zu Hoepkers Heartland Roadtrip. Wir hatten großes Glück, überhaupt eine Einreisegenehmigung zu bekommen, zur Hochphase der Pandemie in den USA und gleichzeitig im Präsidentschaftswahlkampf. Das war Fluch und Segen zugleich: Zum einen fand diese Reise plötzlich in einem historischen Kontext statt, den er in seiner Fotografie ja immer gesucht hat. Zum anderen waren zwischenmenschliche Begegnungen, die einen solchen Roadtrip eigentlich auszeichnen, rar gesät.