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MONTE VERITÀ – DER RAUSCH DER FREIHEIT

Ein außergewöhnlicher Berliner Abend zu Ehren eines außergewöhnlichen Schweizer Films – Beobachtungen von Beate Wedekind*

Was war das für eine schöne Überraschung! Genau im richtigen Moment kam die Einladung des Schweizerischen Botschafters in Berlin, Dr. Paul René Seger, und seines Landmanns Dario Suter, einem der vier Partner von DCM, die als Schweizer Unternehmer im Film- und Startup-Business leidenschaftliche Berliner geworden sind. Wie so viele von uns in diesen Zeiten der durch Corona eingeschränkten Bewegungsfreiheit, überkommt auch mich gelegentlich der Drang, endlich einmal wieder unter Leute zu gehen. Für mich gilt aber auch bei der persönlichsten Einladung die Formel 2G+ als Bedingung! Obwohl ich genesen und dreifach geimpft bin, habe ich mich mittlerweile daran gewöhnt, zusätzlich rasch einen kostenlosen Corona-Bürgertest zu machen.

Was es an diesem Abend in Berlin zu feiern galt, kann man getrost als ein rundum Schweizer Ereignis bezeichnen: die Vorabpremiere des Schweizer Films MONTE VERITÀ – DER RAUSCH DER FREIHEIT des Schweizer Regisseurs Stefan Jäger in der Schweizerischen Botschaft. Der Monte Verità hoch über dem Lago Maggiore und Ascona ist zudem eine der berühmtesten und außergewöhnlichsten Schweizer Institutionen, deren Errungenschaften um den Verdienst der selbstbestimmten Persönlichkeitsbildung bis heute ihresgleichen sucht.

Der Abend wurde rundum ein voller Erfolg. Der wichtigste Grund zuerst: Der Film ist eine Klasse für sich, sensibel inszeniert und hochemotional zugleich, großartig gespielt bis in die kleinsten Nebenrollen, schier bezaubernde Bilder und das historische Thema umgesetzt in aktuellstes Storytelling. Denn, obwohl MONTE VERITÀ – DER RAUSCH DER FREIHEIT Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, ist das Thema so modern wie nie. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die das Korsett ihrer Alltagspflichten als Frau und Mutter lockern und sich auf die Suche nach einem Weg macht, ihre Sehnsucht nach kreativer Selbstverwirklichung zu erfüllen. Maresi Riegner spielt Hanna Leitner, eine junge Österreicherin aus gutem Hause, die – von ihrem Mann drangsaliert – in der Kommune des Monte Verità, damals als Naturheilanstalt bezeichnet, ihre künstlerische Bestimmung als Fotografin findet und von gesellschaftlichen Zwängen befreit, ein neues unkonventionelles Leben beginnt.

Die Bilder zeigen:

  • Herzliches Willkommen in der Schweizer Botschaft in Berlin. Botschafter Dr. Paul René Seger begrüsst (v.l.n.r.) Dario Suter von DCM, Monte Verità-Regisseur Stefan Jäger und zwei der Hauptdarsteller des Films: Hannah Herzsprung und Max Hubacher.
  • Hannah Herzsprung im Gespräch mit Dr. Seger, der vor Berlin die Schweiz u.a. bereits in Myanmar, Burundi und bei den Vereinten Nationen in New York vertrat. Sein Spezialgebiet: Friedensforschung.
  • Blick in die schönen Räume des Botschaftspalais.
  • Bühnengespräch nach der Filmvorführung vor einem kleinen Kreis von Kinoenthusiasten: Dario Suter interviewt den Regisseur und die beiden Hauptdarsteller u.a. über die Dreharbeiten in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Stefan Jäger berichtet stolz, dass sein Filmteam zu 77 Prozent mit Frauen besetzt war.

Was diesen Abend in der Schweizerischen Botschaft über das Filmerlebnis hinaus so besonders machte, waren die ebenso unterhaltsamen wie ernsten Gespräche zwischen den Gastgebern, den Gästen und den Ehrengästen, dem Regisseur Stefan Jäger und den Hauptdarstellern Hannah Herzsprung (hervorragend als Lotte Hattemer, Mitbegründerin des Monte Verità) und Max Hubacher, der die Idealverkörperung des Psychoanalytikers und Anarchisten Dr. Otto Gross ist. Jeder hatte etwas zum Thema Selbstverwirklichung beizutragen, sei es aus eigener positiver Erfahrung oder aus der Beobachtung des in unserer Gesellschaft immer noch herrschenden nicht erfüllten Bedürfnisses danach.

Die Atmosphäre des Abends war natürlich auch durch die prachtvolle Architektur des Gebäudes der Schweizerischen Botschaft geprägt. In hohen Räumen wie diesen empfindet man die angeregte Stimmung besonders intensiv. Wie eng aber die Geschichte des ersten Bauherrn mit der männlichen Hauptperson des Films, des experimentierfreudigen Arztes Otto Gross, verknüpft ist, scheint dann doch eher ein Zufall. Das 1870/71 erbaute Stadtpalais, in dem seit 1920 die Schweizerische Botschaft residiert, war der Alterssitz und die Privatpraxis des hochgelobten Mediziner Friedrich Theodor Frerichs, eines Mannes, der als Sohn einer einfachen Berliner Gastwirtsfamilie wider aller Erwartungen seine Selbstverwirklichung als Wissenschaftler und Arzt erlebte. Als Direktor der Charité wurde Frerichs von Kaiser Wilhelm I in den Adelsstand erhoben, als Mitglied der Leopoldina, der Akademie der Wissenschaften, und der American Philosophical Academy fand er die öffentliche Anerkennung schon zu Lebzeiten, die Otto Gross erst lange nach seinem Tode in der Literatur über den Monte Verità zuteilwurde. Beide galten übrigens als Magier ihrer Zunft, liebten diesen ihren Ruf über alle Maßen und lebten ihn in vollen Zügen aus. Noch etwas haben die beiden gemeinsam, sie starben als Süchtige. Der eine 43 Jahre jung als Kokainist, der andere 66 Jahre alt an Opium.

*PS von DCM-Reporterin Beate Wedekind: Wiedersehen in Berlin mit Stefan Jäger und seiner Tochter Chiara. Zufällig war ich auf Stefan Jäger vor einigen Jahren in Addis Abeba aufmerksam geworden, wo wir beide mit kreativen Nachwuchstalenten arbeiteten. Er lehrte dort an der äthiopischen Filmakademie Produktion und Regie und drehte gerade mit einheimischen Studentinnen und Studenten die später Preis gekrönte Kinokomödie HORIZON BEAUTIFUL. Und ich beriet eine junge Startup-Unternehmerin, die als Komparsin mitspielte und mich mit zum Set nahm.

Alle Bilder: ©DCM_offenblende/Michael Wendt (Unter Einhaltung der 2G-Plus Regel)